Montag, 17. Oktober 2011

Ist Jähzorn krankhaft oder nur Methode?



Jähzornige Menschen können ihr Umfeld knallhart in Atem halten. Sie verhalten sich plötzlich und unkalkulierbar extrem aggressiv. Brüllen herum, zerstören Gegenstände, schlagen wild um sich. Für Kinder ist es eine furchtbare Tatsache, wenn jähzorniges Eltern tobend und wütend zu bedrohlichen Ungeheuern mutieren. Familienmitglieder und Freunde nehmen Jähzorn dennoch oft nur als Temperament wahr. Jähzornige haben nun eben einmal kein ausgeglichenes Temperament in die Wiege gelegt bekommen. Jähzorn als Eigenschaft, entschuldbar und begründbar. Der Jähzornige kann doch gar nichts dafür!

Experten wie der Schweizer Psychotherapeut Theodor Itten werten das ohne jede Vorwarnung auftretende Zorngefühl als krankhaft (Buch: "Jähzorn"). Es enge die Lebensfreude und allgemein die Lebendigkeit in Familien stark ein. So wird Jähzorn von Fachleuten zunehmend auch als ernsthaftes Anzeichen einer psychischen Erkrankung, Persönlichkeitsstörung oder Folge erhöhten Alkoholmissbrauchs gesehen. Doch sind es nicht die Menschen mit ihren Jähzorn-Attacken, die ihren Weg zum Psychologen oder Psychiater finden und sich “heilen“ lassen wollen. Vielmehr sind es ihre Opfer, die nach oft jahrelanger Qual mit den Nerven am Ende sind und irgendwann verzweifelt Hilfe suchen.

Vorsicht ist geboten, den Jähzorn einseitig als Eigenschaft zu entschuldigen oder in die warme Watte entschuldbarer Krankheitssymptome zu wickeln. Betrachtet man Jähzorn einmal nicht als angeborene Eigenschaft oder überschäumendes Temperament, enttarnt sich schnell sein wahres Wesen. Jähzorn funktioniert wunderbar als Mittel oder Methode, um sich schnell und effektiv durchzusetzen. Er ist extrem aggressiv und man kann gegenüber seinem Partner oder Kindern auftrumpfen. Sich selbst in den Mittelpunkt stellen und seinen Bedürfnissen mit aller Gewalt Nachdruck verleihen. Angewendeter Jähzorn verleiht Autorität, Beachtung und eine unangreifbare Machtposition.


Distanziert man sich einmal von allen Bewertungen als Eigenschaft, so erscheint Jähzorn nach Ansicht der Autorin Claudia Szczesny-Friedmann als aggressive Methode durchaus effektiv und praktisch. Man muss nur ab und zu mal die Beherrschung verlieren. Etwas brüllen und toben, Türen eintreten oder Geschirr zerschlagen. Schon hat man die anderen fest im Griff. Und zwischen solchen Jähzornsanfällen genügt es völlig, mal mit der Stirn zu runzeln oder erste Anzeichen schlechter Laune zu zeigen und die anderen laufen nur noch auf Zehenspitzen und parieren. Der Jähzornige ist selbst das bedauernswerte Opfer seiner Leidenschaft - wie viel besser kann eine Begründung sein, sich aggressiv die Vorherrschaft im familiären Umfeld zu sichern?

Jähzornige profitieren von der Neigung, alle Formen von Aggressivität begründen zu wollen. Mitleid und Verständnis für vermeintliche Fehlfunktionen im zwischenmenschlichen Verkehr zu entwickeln. So bekommt der Jähzornige das Rechtfertigungsmonopol durch die vermeintlich unglückliche Kindheit, entsprechend tragische Umstände oder eben als bedauernswert Erkrankter. Vielleicht sollte man nicht so leichtfertig alle Verhaltensweisen, die nicht zum Wunschbild harmonischer Vollkommenheit passen, gleich als krank erklären wollen. Merkwürdigerweise sind kaum Jähzornsanfälle der “krankhaften” Jähzornigen gegenüber Menschen bekannt, die eine eindeutig höhere Machtposition einnehmen als sie selbst. So wird ein Jähzorniger kaum seinen Anfall gegenüber seinem Chef bekommen oder in der Öffentlichkeit gegenüber Respektspersonen ausleben. Nein, es muss schon hauptsächlich das familiäre Umfeld sein. Oderes trifft eben Mitmenschen, von denen der Jähzornige annimmt, das sie ihm unterlegen sind.


Sieht man den Jähzorn einfach als aggressive Verhaltensweise, die auf einen fragwürdigen Charakter schließen lässt, kommt man der Wahrheit ein ganzes Stück näher. Sicher fällt es Kindern schwer, diese Tatsache zu akzeptieren, wenn es sich bei Jähzornigen um ein Elternteil handelt. Nicht unbekannt ist der psychologische Wirkmechanismus, das Kinder ihre Eltern idealisieren. Und nicht wahrhaben wollen und können, das es sich eben auch durchaus auch bei ihren Eltern um Menschen mit schlechten Charaktereigenschaften handeln könnte, die ihnen nicht immer nur gut gesonnen sind. Und das auch die jähzornig tobende Mutter oder der Vater nun eben am Kind aggressives Verhalten als dominante Erziehungsmethode einsetzt, da ihre Aggression keine nennenswerte Gegenaggression hervorruft. Weil Kinder existentiell von ihren Eltern abhängig sind, verleugnen sie diese Erfahrung. Doch im Erwachsenenalter kann man durchaus in der Lage sein, sich von solchen Erfahrungen kritisch zu distanzieren. Und bei den Eltern, den Beziehungspartnern oder wem auch immer im Umfeld Jähzorn als das zu sehen, was er ist. Aggressives Verhalten, um seinen Willen durchzusetzen. Und möglichst nicht aus der Not eine bösartige Tugend zu machen. Den Jähzorn ist nicht “erblich”, sondern reine Kopfsache. Und wenn man wenigstens etwas Respekt vor seinen Mitmenschen hat, unterlässt man dieses vor Aggressivität schäumenden Getue. Alternativ verdienen es Jähzornige, das man sich von ihnen abwendet und distanziert. Oder sie einfach nicht mehr ernst nimmt. Mehr nicht.

Bildquelle: “Vorsicht, freilaufender Mensch” - Fotograf Gerd Altmann, www.pixelio.de

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