
Bildquelle: "Dickes Gefühl" Farbskizze von A.Treumann 2011
Jeder Zweite gilt in Deutschland als übergewichtig. Eine irreal erscheinende Zahl - mehr als 50 % der erwachsenen Bevölkerung hat laut Normtabelle und BMI-Formel zu viel Fett auf den Rippen. Wer die magische 25 des BMI überschreitet, darf sich offiziell zu dick fühlen. Und immerhin noch 15 % mit einem BMI von über 30 als viel zu dick.
Wie schön, das unsere Gesellschaft für alle Phänomene der Gegenwart Tabellen und Schablonen hat. Und sich somit Schuldgefühle und Minderwertigkeitskomplexe unmittelbar mit dem Gewicht auf der Waage verbinden lassen. So wird mal eben die Hälfte der Gesellschaft zur Randgruppe. Natürlich hochoffiziell und seriös. Eben laut Aussage eines Bundesamtes. Und somit unumstößlich festgeschrieben.
Läuft man auf den Straßen, fragt man sich wo den die ganzen Dicken sind? Hat die jemand eingesperrt? Oder sind da doch Formelreiter am Werk, die den Blick auf die Realität vernebeln? Gibt es wirklich so viele Dicke in Deutschland?
Gut, sicher kann Fettleibigkeit das Leben erschweren. Schon, weil es eben absolut nicht angepasst erscheint. Und wie schön ist es doch, das man immer mal jemanden sieht, der dicker ist als man selbst. So kann man doch so schön über den herziehen. Und sich gleich ein bisschen besser fühlen. Und die nächste Pommes rot-weiß tut nicht mehr so weh...
Recherchiert man im Internet, kann schnell die Kinnlade nach unten klappen. Da schreiben doch Leute im Netz tatsächlich, Übergewicht wäre ein “Symptom” der Unterschicht! Ha, Armut eine Krankheit. Vielleicht sollte man sich mal schnell in eine stationäre Behandlung gegen Hartz IV begeben und natürlich ist man nach der Kur auch gertenschlank!
Es geistert schon viel irrer Blödsinn in den Medien zum Thema Dicksein, Übergewicht, Vorurteile gegen fette Leute und so weiter. So muss man natürlich als interessierter Leser auch unbedingt darüber informiert werden, das es eine “wissenschaftliche” Untersuchung in Amerika gab (“nach Erkenntnissen amerikanischer Wissenschaftler...bla,bla,bla"), nachdem Menschen sich lieber in einem Raum mit einer schwer drogensüchtigen als mit einem fettleibigen Menschen aufhalten.
Das Phänomen “Respektlosigkeit” in unserer Zeit bricht sich beim Thema Fettleibigkeit unmittelbar die Bahn. Hoch lebe die Respektlosigkeit! Es ist schick, keinen Respekt vor seinen Mitmenschen zu haben. Andere zu gängeln und zu belehren, nur um sich noch ein bisschen besser und wichtiger zu fühlen. Und natürlich ist das Wichtigste im Leben.... Na, was wohl? Dünn zu sein? Dünn zu sein! Am besten so dünn wie die knochige Frau G..., welche in den VIP-Nachrichten wankend und klapperdürr vor der Kamera steht bei einem Interview. Und man als Zuschauer befürchten muss, das sie vor laufender Kamera den Hungertod stirbt. Dieses zentrische Kreisen um das Thema Gewicht lenkt so wunderbar von den eigentlichen Problemen, Krisen und Sachzusammenhängen unserer Zeit ab. Und verschafft der Diätindustrie Milliardengewinne.
Fast wäre es gefährlich, würde es auf einmal keine Dicken mehr in Deutschland geben. Doch der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Neue Sündenböcke wären schnell gefunden. Möglichst belanglos und wieder Randgruppen erzeugend. Denn was wäre das Leben ohne so richtig viele Randgruppen? Man könnte nicht mehr ausgrenzen, abgrenzen, Normen setzen, Feindbilder basteln... Und müsste sich - das fehlte noch - mit wirklich wichtigen Dingen im Leben beschäftigen. Vielleicht gar noch mit existentiell wichtigen Aspekten! Und wo kommen wir denn da hin? Das ginge nun gar nicht. Also bleibt das Übergewicht schön da, wo es schon lange ist. Am Marterpfahl.
(Kommentar zum Thema von Astrid Treumann)
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